05 Hoeren
C2C2 Hören / Listening
Prüfungsformat
| Teil | Aufgabe | Aufgaben | Hören |
|---|---|---|---|
| 1 | Wissenschaftlicher Vortrag | 10 | 2x |
| 2 | Kontroverse Debatte / Podiumsdiskussion | 10 | 1x |
Dauer: ca. 35 Minuten
Strategien
- Sprecherabsicht durchschauen: Ironie, Relativierung, indirekte Kritik, Euphemismen
- Nuancen der Argumentation: Ist der Sprecher wirklich dafür — oder nur unter Vorbehalt?
- Reformulierungen: Die Prüfungsantwort verwendet ANDERE Wörter als der Hörtext
- Register erkennen: formell, informell, ironisch, sachlich
- Notizen-Technik: Nur Stichworte, Abkürzungen, Symbole (↑↓ ? ! →)
Teil 1: Wissenschaftlicher Vortrag
Hörtext 1: "Spracherwerb und kognitive Entwicklung"
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte heute über den Zusammenhang zwischen Spracherwerb und kognitiver Entwicklung sprechen. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Sprache lediglich ein Kommunikationsinstrument ist. Sprache formt unser Denken — diese These, die in ihrer radikalen Form als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt ist, mag in ihrer deterministischen Variante überholt sein, doch in ihrer relativistischen Ausprägung wird sie durch zahlreiche Studien gestützt.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Sprecher von Sprachen, die über ein differenziertes Farbvokabular verfügen, können feine Farbunterschiede nachweislich schneller identifizieren. Das Russische etwa unterscheidet lexikalisch zwischen Hellblau und Dunkelblau — eine Distinktion, die russische Muttersprachler bei Farberkennungstests schneller treffen.
Was bedeutet das für den Fremdsprachenerwerb? Wenn Sprache das Denken mitformt, dann erweitert das Erlernen einer neuen Sprache buchstäblich unsere kognitive Kapazität. Bilinguale Menschen zeigen in zahlreichen Studien eine erhöhte kognitive Flexibilität, bessere Aufmerksamkeitskontrolle und eine verzögerte Manifestation altersbedingter kognitiver Einschränkungen.
Allerdings — und das sei ausdrücklich betont — handelt es sich um Korrelationen, nicht um nachgewiesene Kausalitäten. Es wäre unwissenschaftlich, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen.
Fragen (R/F/nicht im Text):
1. Die Sapir-Whorf-Hypothese gilt in ihrer radikalen Form als bestätigt. → Falsch (überholt)
2. Russische Muttersprachler unterscheiden Blautöne schneller. → Richtig
3. Bilingualismus kann altersbedingte kognitive Einschränkungen komplett verhindern. → Falsch (verzögern, nicht verhindern)
4. Der Sprecher warnt vor voreiligen Kausalschlüssen. → Richtig
Teil 2: Podiumsdiskussion
Hörtext 2: "Sollte Kunst staatlich gefördert werden?"
Moderator: Unser Thema heute: Staatliche Kunstförderung — notwendige Investition oder Verschwendung von Steuergeldern?
Prof. Dr. Richter: Die Frage, ob Kunst staatlich gefördert werden sollte, ist im Grunde falsch gestellt. Die Frage müsste lauten: Können wir es uns leisten, Kunst NICHT zu fördern? Kunst ist kein Luxusgut, das man sich in guten Zeiten leistet und in schlechten streicht. Kunst ist ein Grundpfeiler einer offenen Gesellschaft.
Frau Becker: Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, Herr Richter. Allerdings muss man auch die Frage stellen, WAS gefördert wird und WESSEN Kunst. Die staatliche Förderung tendiert dazu, etablierte Institutionen zu bevorzugen und innovative oder subkulturelle Projekte zu vernachlässigen.
Herr Wagner: Mit Verlaub, ich sehe das pragmatischer. In Zeiten knapper Kassen muss auch die Kultur ihren Beitrag leisten. Warum sollte der Steuerzahler für eine Oper bezahlen, die nur von einer kleinen Elite besucht wird? Wenn Kunst relevant ist, wird sie ihren Markt finden.
Prof. Dr. Richter: Das ist ein gefährlicher Trugschluss. Der Markt ist kein geeignetes Instrument, um den Wert von Kunst zu bemessen. Shakespeare wäre nach dieser Logik nie entstanden.
Zuordnung — Wer vertritt welche Position?
| Aussage | Person |
|---------|--------|
| Kunstförderung ist unverzichtbar für die Demokratie | Prof. Richter |
| Die Förderung muss gerechter verteilt werden | Frau Becker |
| Der Markt sollte über den Wert von Kunst entscheiden | Herr Wagner |
| Marktlogik ist für Kunst ungeeignet | Prof. Richter |
| Aktuelle Förderung bevorzugt das Establishment | Frau Becker |
Nützlicher Wortschatz
Akademische Signalwörter im Vortrag
| Signalwort | Funktion |
|---|---|
| "Es ist ein weit verbreiteter Irrtum" | Korrektur einer falschen Annahme |
| "Es sei ausdrücklich betont" | Hervorhebung, Warnung |
| "In ihrer ... Ausprägung" | Differenzierung |
| "Was bedeutet das für ...?" | Überleitung, Anwendung |
| "Allerdings" | Einschränkung |
| "Mit Verlaub" | Höflicher Widerspruch |
| "Das ist ein Trugschluss" | Fundamentaler Widerspruch |
Tipps
- Teil 1 (2x hören): Beim 1. Mal: Hauptthese und Argumentationsstruktur. Beim 2. Mal: Details und Nuancen
- Teil 2 (1x hören): Sofort notieren: WER sagt WAS. Sprecherwechsel sind entscheidend
- Implizites erkennen: "Mit Verlaub" klingt höflich, signalisiert aber starken Widerspruch
- Ironie/Rhetorik: "Können wir es uns leisten, NICHT zu fördern?" = starkes Plädoyer FÜR Förderung